Nummer 114 Zurück zum Archiv

Aglaja Veteranyi

Erscheinungsdatum: Oktober 2002

Auszüge:
Inhaltsverzeichnis
Über dieses Heft
Aglaja Veteranyi: Ana lebt
Gabriele Markus: Der Hunger wächst schnell,
er wächst durch die Haut
Rudolf Bussmann über Aglaja Veteranyi
Eine Nacht im Leben von Ulrike Draesner
 
Nummer nachbestellen
Inhaltsverzeichnis

(Unterstrichene Texte können angewählt werden)

Über dieses Heft
Martin Zingg: Fisimatenten
Aglaja Veteranyi weiterschreiben

Aglaja Veteranyi:
Café Papa
Ana lebt
Der Löwe
Jens Nielsen: Der Schnitt
Michel Mettler: Tanken
Gabriele Markus: Der Hunger wächst schnell
Guy Krneta: Das Rezept
Monica Cantieni: Während mein Vater einen Stuhl macht
Mariella Mehr: ein Gedicht
Werner Morlang: Rede für Aglaja

Es zerrt das Glück
Katharina Geiser: Alba - Feuer prägt
Jochen Kelter: Gedichte
Laurenz Bolliger: Kalt
Karl Gustav Ruch: Chef
Ernst Strebel: Vater schreibt
Eine Nacht im Leben von Ulrike Draesner
Besprechungen und Hinweise
Rudolf Bussmann über Aglaja Veteranyi
Frank Wittmann über Andreas Münzner
Elsbeth Pulver über Heinrich Kuhn
Neuerscheinungen von Schweizer Autorinnen und Autoren
Die Autorinnen und Autoren
Zurück zur Übersicht / Zum Inhaltsverzeichnis

Über dieses Heft

Liebe Leserin, lieber Leser
Eine Schriftstellerin, ein Schriftsteller lebt nach ihrem Tod in ihren Werken weiter, heisst es – in den Gedanken, in den Phantasien ihrer Leser. Es gibt noch eine weitere Art, wie Geschriebenes weiterlebt: indem andere Schreibende es aufnehmen, verwandeln und auf ihre je eigene Weise weiterdenken. Überall dort, wo geschrieben wird, findet unbewusst oder mit Absicht eine Tradierung von Themen, Rhythmen, Schreibhaltungen statt. Für die vorliegende Nummer versuchten wir einen solchen Prozess des Weiterschreibens in Gang zu setzen.
Aglaja Veteranyi, die bis kurz vor ihrem Tod an ihren Texten arbeitete, hat eine Reihe fertiger Geschichten hinterlassen. Drei von ihnen sind im „drehpunkt“ zu lesen. Bei „Café Papa“ und „Ana lebt“, ihren allerletzten Texten, handelt es sich um Erstdrucke.
Die drei Texte legten wir einer Anzahl Autorinnen und Autoren vor, in der Erwartung, dass sie vielleicht etwas in ihnen auszulösen oder in Gang zu bringen vermöchten, das zu einem weiteren, ganz in ihrer Art geschriebenen Text führen würde. Aglaja Veteranyi weiterschreiben heisst das Projekt. Es erwies sich als nicht einfach. Zu sehr wirkte der Schock des Suizids der Autorin nach, zu viel rührten ihre Texte an Erinnerungen auf. Um so mehr wissen wir die Beiträge zu schätzen, die dennoch entstanden sind. Sie werden begleitet von einer persönlichen Hommage an die Autorin von Werner Morlang sowie einer Übersicht über deren Leben und Werk.
Daneben finden Sie eine bunte Reihe neuer Schweizer Lyrik und Prosa sowie die Abenteuer einer jungen Frau in der nächtlichen Skizze von Ulrike Draesner. Allen an der Nummer Beteiligten gilt unser Dank.

Rudolf Bussmann und Martin Zingg

Zurück zur Übersicht / Zum Inhaltsverzeichnis

Aglaja Veteranyi

Ana lebt

Die Ana in Ana wackelt.
Sie fällt nach links, nach rechts, in den Arm, in ein Bein, ins Auge.
Ana weint lange Tränen.

Das Gesicht tut weh.
Die Augen.
Die Zunge.
Das Wetter.
Ana zieht die Mundwinkel hoch.
Ana zieht die Mundwinkel hoch.
Ana zieht die Mundwinkel hoch.

Wenn das Glück nicht kommt, nimmt Ana eine Pille, die ihr sagt, dass sie glücklich ist.
Wie ist das Glück klein, dass es in einer Pille Platz hat, denkt Ana.

Ich bin eine ganze, sagt Ana zu Ana.
Ana fällt vom Stuhl.
Ana fällt die Jacke aus der Hand.
Ana fällt ein Wort aus dem Mund.

Ich bin eine ganze, sagt Ana zum Spiegel.
Im Spiegel ist ein Gesicht.

Ana legt sich hin.
Ana steht auf.
Ana öffnet das Fenster.

Im Spiegel wartet das Gesicht.
Ana friert.

Ana zieht sich die Jacke an.
Ana zieht sich die Decke an.
Ana zieht sich den Schlaf an.

Ana hat die Aubergine gegessen.
Die Aubergine war klein und breit und hiess Ana.
Sie hatte ein Gesicht und lachte.
Sie hatte ein Grübchen.
Sie hatte Zähne.
Sie hatte einen lieben Gott im Auge.
Sie hatte ein Pipi, eine Mutter und eine Decke.
Ana lacht sich aus dem Schlaf.

Das Zimmer ist abwesend.

Anas Haut ist schnell geworden.
Ana hat die Angst gegessen.
Ana hat den Tod gegessen.

Der Tod ist lang.
Er liegt auf Anas Gesicht und schläft.

Zurück zur Übersicht / Zum Inhaltsverzeichnis

Gabriele Markus (-> zur Website von Gabriele Markus)

Der Hunger wächst schnell, er wächst durch die Haut

«Als ich den Koffer öffnete, fremdeten meine Sachen, sie kannten mich nicht mehr. Neben den Sachen lag mein Alter.»

Ich liess die Sachen liegen, nahm mein Alter und ging.
Komm, sagte ich, du kennst mich.
Aber das Alter fremdete, es hatte meine Sprache vergessen. Da liess ich es liegen und ging fort.
Flussabwärts, den Träumen entlang in den Schlaf. Vor mir das Café Papa.

Stand da, als ob es nie weg gewesen wäre.
Schön anzuschauen, das Café Papa.
Über der Türe in Leuchtschrift: Eintritt ohne Alter verboten.
Es gab einen Hintereingang.

Das Café war eine Buchhandlung. Voller Menschen.
An den Wänden leere Regale.
Die Bücher lasen in den Menschen.
Für mich war kein Buch übrig geblieben. Warten, hiess es, du musst warten. Ich versuchte den Himmel zu lesen, indem ich ihn rückwärts buchstabierte.

Da sah ich das Kind.
Es schob Luft in den Laden.
Komm, sagte es, «hier Himmel».
Ich liess meinen Himmel stehen und folgte dem Kind.

Schluss mit der GÄNSEAUSSCHLACHTEREI, sagte es.
Ich will eine Ganze sein, setz mich zusammen.
Ich kenne dich nicht, sagte ich.

Ich bin Ana. Spiel mit mir. Der Himmel kann warten.
Klingt wie ein Film, dachte ich, aber was wird gespielt?

Ana trägt ein grünes Band. Es hält sie zusammen.
Aber die Ana in Ana wackelt.
Erzähl mir eine Geschichte, sagt sie, die vom Haus mit den Wurzeln.

Es hat zuviel Wind jetzt, sagt das Haus.
Er geht durch mich hindurch; ich bin nicht erzählbar.

Ana fällt vom Stuhl.
Ana fällt aus der Jacke.
Aus der Haut.

Ana friert.

Sie zieht sich den Schlaf an.
Er wärmt sie nicht.
Sie zieht sich den Schlaf aus.
Steht auf und kocht, mitten in der Nacht.
Die Töpfe singen, die Auberginen, die ganze Küche,
der Himmel draussen
die Ana.

Ich koche Geschichten, sagt Ana.
Je mehr ich koche, desto grösser mein Hunger.
Der Hunger wächst schnell, er wächst durch die Haut.

Iss uns, sagen die Geschichten. Iss uns alle, damit du satt wirst.


Ana hat die Wörter gegessen.
Die Bilder, die Sätze, die Zeichen.
Die Luft dazwischen.

Die Angst.
Den Tod.

Es ist dunkel, ruft Ana.
Wo sind meine Augen?

Hier, ruft jemand,
aber Ana ist dort.
Sie geht durch Spiegel
sie geht durch Wände
sie geht durch die Türe
hinaus.

Zurück zur Übersicht / Zum Inhaltsverzeichnis

Die Fraktale des Todes

Aglaja Veteranyi: Das Regal der letzten Atemzüge. Roman. Deutsche Verlags-Anstalt 2002


Ein Zimmer. Die Mutter. Der Onkel. Ein Hausfreund. Die sterbende Tante, die tote Tante. Aglaja Veteranyis letzter Roman, von der Autorin fast druckfertig hinterlassen, ist ein Kammerspiel, das sich auf wenige Figuren beschränkt. Wie im Erfolgsroman Warum das Kind in der Polenta kocht ist sein Milieu eine rumänische Artistenfamilie, genau gesagt ihr letztes in die Schweiz verschlagenes Sprengel. Die Familie als solche existiert nur noch in Erinnerungsstücken – als Fotografie, als Videoaufnahme eines Begräbnisses, als Erzählung von früher. Ein Todesfall ist für die Hinterbliebenen mehr als nur der Verlust eines nahestehenden Menschen; er bedeutet das Verschwinden eines Zeugen der besseren Tage, den Wegfall eines Stücks familiärer Heimat. Mit jedem, der geht, wächst das Vergessen.
Die Nichte der Sterbenden, selber eine Herumgetriebene, eine Frau-in-vielen-Exilen, erzählt den Roman. Zwar lebt sie ausserhalb der Familie und hat mit ihr abgeschlossen, doch nun holt sie die Sippe auf einmal wieder ein: Es ist ihre Lieblingstante, die letzte Verbündete innerhalb der Verwandtschaft, von der sie sich zu trennen hat. Ihr zuliebe setzt sie sich dem, was ihr fremd geworden ist, noch einmal aus.
Zugleich im Strudel des Geschehens und innerlich in Distanz zu ihm: sie ist zur Chronistin geradezu prädestiniert. Am Krankenbett registriert sie mit trotziger Unbestechlichkeit den allmählichen Zerfall der Tante, hält in Momentaufnahmen und Rückblenden die Reaktion der Angehörigen fest – die bigotte Hilflosigkeit der Mutter, die monströse Sachlichkeit des Onkels. Nichts darf jetzt, wo der Onkel schon ans Aufräumen und Wegwerfen geht, verlorengehen. Ein achtloser Blick, eine hingeworfene Bemerkung, vor allem aber die hundert Nebensächlichkeiten gewinnen auf einmal eine ins Fetischhafte gesteigerte Bedeutung. Die Zutaten des Totenkuchens. Ein zufälliger Dialog zwischen Tante und Pfleger. Die Liste der Medikamente. Das amtliche Formular für die Todesmeldung. Die Worte, oft in Kolonnen untereinander gesetzt, fallen gemessen, abgemessen, eins nach dem andern wie das Konzentrat im Tropf der Tante. In jedem von ihnen schwingt Endgültigkeit mit. Ihre Reihung erzeugt zusammen mit den lakonisch knappen Sätzen, die den Text Zeile für Zeile vorantreiben, den Rhythmus eines Herzschlags. Die Pausen zwischen ihnen dienen dem Atemschöpfen, dem Horchen auf den nächsten Schlag. Man spürt die Erschütterung beim Lesen gleichsam im Leib. Diese Prosa pulst in uns. Die Verstörung der schreibenden Nichte ist unsere Verstörung. Ihr Schmerz unser Schmerz.
Zur letzten Inventur, die da vorgenommen wird, gehört auch der Rückblick in die Vergangenheit der Tante, den Aglaja Veteranyi zwischen Sterbe- und Todesszenerie einschiebt. Der Zwischenteil erinnert am stärksten an ihr letztes Buch. Mit seinen holzschnittartig herausgearbeiteten Szenen steht er diesem an Eindringlichkeit in nichts nach, ja er wirkt noch dichter, noch drängender. In ihm kommt das allmähliche Sesshaftwerden der Zirkusleute zur Sprache, die Tragödie der Herumziehenden, die sich im Prozess der Verbürgerlichung mehr und mehr auseinanderleben. Lange bevor die Tante ihren Fuss an die Fäulnis verlieren wird, sind die Beziehungen zwischen den Schwestern, zwischen Mutter und Tochter zerfallen, ist die Liebe – bis auf die zärtliche Erotik zwischen Nichte und Tante – abgestorben.
Wenn der abschliessende Teil wieder ins Sterbezimmer zurückführt, hat man das Gefühl, dessen vier Wände nie verlassen zu haben. Wo immer der Blick hinfällt, ob in die Zirkuskuppel, in eine rumänische Küche, einen Wohnwagen, stets trifft er auf dieselbe muffige Enge. Was ist das Leben? Ein Zimmer. Eine Mutter. Ein Onkel. Eine sterbende, eine tote Tante. Die Erzählerin kommt nicht aus dem lähmenden Bann dieser Atmosphäre heraus. Und auch wir stecken, lange haben wir das Buch schon weggelegt, noch immer in ihr drin, gefangen von der Faszination des Himmeltraurigen.

Rudolf Bussmann


Zurück zur Übersicht / Zum Inhaltsverzeichnis

Eine Nacht im Leben von Ulrike Draesner

Ulrike Draesner
Vielleicht hat jede Nacht ein Zentrum, zu dem man sich vorarbeiten muss, verborgen in Traum oder Alptraum, und manchmal, in besonderen Nächten, ist man wach, wenn man dieses Zentrum erreicht und erinnert sich später, verborgen zwischen Alptraum und Traum, daran, was war.

Harro kam im Auto seines Vaters, zu spät wie immer, aber dagegen liess sich nichts sagen, schliesslich hatte er alles organisiert, die Lesung am Abend auf der Messe, die Fahrt und die Übernachtung bei Freunden, irgendwelchen Russen in den Outskirts von Leipzig. Es war schon Ende März, doch noch immer ziemlich kalt, was vielleicht auch an dem Loch in einem der Seitenfenster des Wagens lag. In Leipzig umrundeten wir ein paar Mal den hotelgesäumten Vorplatz am Hauptbahnhof, an dem alle Strassenbahnlinien sich kreuzten. Das Umschaltwerk in der Ferne, Richtung Messe, gefiel mir - ein hübsches technisches Ding. Endlich standen wir in der richtigen Strasse, im richtigen Haus, im richtigen Stockwerk vor der Wohnung der Russen. An den Türen klebten Alunummern, die man dringend brauchte, denn jede Wohnung sah gleich aus. Die Russenfreunde jedoch schienen nicht da zu sein, Harro behielt unsere Sachen im Auto, und ich fuhr, so schnell ich konnte, zur Messe hinaus. Es wurde schon dämmrig, die Strassenlaterne entfachte ein Feuer auf der dunklen Fensterscheibe der Bahn. Das Feuer brannte in meinem Gesicht.

Wo war nur der Stand, an dem er arbeitete? Laufen. Ich gab eine Nachricht für ihn ab. Laufen, Hände schütteln. Von ihm lag eine Nachricht bei meinem Verlag, mit seiner Handynummer. Göttlich, diese kleinen Telefone. Ich dankte der Technik auf Knien. Mein Herz pochte, wie es gar nicht pochen durfte. Wenn das so weiterging, sah man es noch durch meine Jacke hindurch! Und dann wurde ich bestimmt wieder rot.

Nach der Lesung erzählte Harro, dass die Russen, in deren Wohnung inzwischen alle unsere Sachen lägen, für den Abend anderswo hingegangen seien und dabei naturgemäss einen Schlüssel für die Wohnung behalten hätten, während er, naturgemäss, den zweiten habe. Ich ahnte Verwicklungen, aber zum Glück wollten die anderen erst einmal auf dasselbe Verlagsfest wie ich. Draussen war es seit Stunden dunkel, doch die Nacht, alt wie ein Farn, rollte ihre noppenbesetzten kalten Blätter immer noch tiefer in den Strassen hinein. Der Verlag feierte in einem riesigen, leerstehenden Haus. Nach einer Stunde musste ich gehen, die anderen behielten den Schlüssel und grinsten, ich sagte, dass ich noch eine Verabredung hätte, um eins, sie sagten „viel Spass!“.

Er trank gern Whiskey. Ich trank nicht gern Whiskey. Natürlich würde ich Whiskey mit ihm trinken. Die Nacht hatte einen Kern, ich wusste, warum ich hier war, wir bewegten uns darauf zu.
Als ich in seinem Hotel ankam, schloss die Bar gerade. Also setzte ich mich in die Lobby und schlug die Beine übereinander. Der Angestellte an der Rezeption erzählte mir, wo man noch hingehen könne, falls die 504 doch noch erscheine. Ich blätterte in einer Zeitschrift. Um halb zwei sprach ich ihm auf die Mailbox. Mein Herz wurde rauh, es schabte in meiner Seite wie eine Feile mit zwei Kanten. Jede Menge Taxis fuhren vor. Leute stiegen aus, die ich kannte. Er nicht. Ich ärgerte mich, dann bekam ich Angst, dass er vielleicht gar nicht käme. Doch statt wutentbrannt zu verschwinden, schmolz ich auf meinem Stuhl weiter vor mich hin. Um zwei fuhr ich zu dem Verlagsfest zurück. Er hatte sich ganz in seine Mailbox verwandelt. Ich folgte einer Gruppe, die noch von einem anderen Fest wusste. Eine schrie auf, als sie merkte, dass ihre Geldbörse fehlte, doch 1000 Meter später fand sie sie in ihrer Hosentasche wieder. Die Sterne funkelten, und Leipzig war leer. Als wir über einen Platz zwischen mehreren Kreuzungen gingen, begannen die Vögel in den Büschen zu zwitschern. Mitten in der Nacht: schön, kalt, und Vögel sangen in den Büschen. Als versuchten sie, die Sonne anzulocken. Nach einer Viertelstunde hörten sie wieder auf. Ich nahm ein Taxi und nannte die Adresse der Russen.

In der Haustür im Hinterhof klemmte eine riesige Obstpalette. Ich war erleichtert, knippste das Licht an und stieg die Linoleumtreppen hoch. Nachdem ich ein paarmal geklingelt hatte, rief ich Harros Namen. Nichts rührte sich. Ich trat gegen die Tür. Wenn ich so weitermachte, war bestimmt gleich das ganze Haus wach. Doch erneut: nichts, nur mein Wahnsinnskrach. Das Zentrum der Nacht war nicht der goldgelbe Schimmer eines Whiskeyglases - es war diese lange rutschige Bahn Linoleum, das im Licht der Glühbirnen geradezu hämisch leuchtete und zusah, wie ich darauf herumzappelte, verletzt und ratlos.

An der kilometerweit geradeausführenden Strasse vorm Haus tauchte das funzeliggelbe Ostlicht der Sachsen mich in einen langen Schatten. Endlich kam ein Taxi. Ich liess mich zu dem Hotel am Bahnhof fahren, schliesslich kannte ich dort die Rezeption so gut. Natürlich fragte ich nach dem Mann, der zu seiner Mailbox geworden war. „Auf dem Zimmer.“ Der Rezeptionist schaute erwartungsvoll. Es war fast fünf. Ich bekam Zimmer 537, billiger, weil es so spät war. Die Nacht ist nicht lang, sagte der Mann hinterm Tresen. Er hatte keine Ahnung. Ich stand dann noch vor der 504, ein paar Minuten, vielleicht auch ein paar Minuten länger, doch mir reichte es mit Klopfen für diese Nacht.

Mein Zimmer ging auf den Hauptbahnhof hinaus. Nackt lag ich in den kalten Laken, erregt, aufgeregt, müde, durch einen Turbo gedreht. Auf einem der grossen Neonbuchstaben des Hotelnamens, die an der Aussenwand leuchteten, schlief ein Vogel, den Kopf unter die Federn gesteckt. Seepferdchen trieben im Teppichboden, die Seife lag still auf ihrer Schale, dick und fest klebte die Nacht an den Scheiben. Ich fühlte mich wie aus dem eigenen Leben gehoben und in eine Höhle gekrochen. Keiner konnte mich finden, doch da lag ich, warm und hellwach. Das Umspannwerk blitzte in mehreren übereinandergestapelten Ringen Zeichen durch die Nacht. Ich schrieb ein Gedicht.

Harro und seine Freunde hatten stockbesoffen bei den Russen hinter der Tür gelegen und nichts gehört. Bis heute erröten sie, wenn sie daran erinnert werden. Im Jahr darauf verbrachte Harro seine Messenacht in einer Würstchenbude. Den Mailboxmann sah ich kurz durch einen Büchergang huschen. Gesichter, Pläne, Möglichkeiten und Sehnsucht durchkreuzen sich, führen um uns herum, wickeln uns ein. Jede Nacht hat ihr Zentrum dort, wo sie sich, verborgen in Traum oder Alptraum, schneiden, und manchmal, in besonderen Nächten, ist man wach, wenn man dieses Zentrum erreicht und erinnert sich später, zwischen Alptraum und Traum, daran, was war.


dreh-punkt.ch / Last updated 16.10.2003 / Impressum / Home